Reyk Grunow
(aus: Märkische Allgemeine; 12.09.2026)
„Vorne hui und hinten pfui"
Platz für Wohnungen und eine Arztpraxis: Drei Unternehmer retten eine einmalige denkmalgeschützte Villa in Rheinsberg
Von Reyk Grunow
Die Spatzen haben's am besten. Ihre neue Unterkunft in Rheinsberg ist schon fertig, während die Wohnungen für die Menschen rundherum noch Baustelle sind. Wenn es ums Schwärmen geht, ist Leif Miller kaum zu stoppen. Miller hat sich in das Haus Wittkopf, wie er das Anwesen an der Berliner Straße 44 nennt, verliebt, das ist ganz klar. Seit 2024 ist er mit Partner Rico Rückstadt und Restaurator Jochen Hochsieder dabei, das denkmalgeschützte Ensemble neben der früheren Carmol-Fabrik wieder nutzbar zu machen und den Häusern zu neuem Glanz zu verhelfen. Oder zu altem, je nachdem. Sunbender Immobilien heißt die Firma, mit der die drei das Projekt vorantreiben. Sechs Wohnungen und eine Gewerbeeinheit wollen sie auf dem einstigen Firmengelände an der Berliner Straße schaffen. Die Nutzung von erneuerbaren Energien, Photovoltaik und Wärmepumpen ist allen dreien dabei sehr wichtig. Beim Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 13. September, wollen die Bauherren zeigen, wie weit sie schon gekommen sind. „Maurermeister Albert Behnfeldt hat das Haus einmal für den Kaufmann Julius Spengler erbaut", sagt Miller. Das war in den Jahren 1900 bis 1901. Das Anwesen markierte damals den südlichen Stadtrand von Rheinsberg. Ein paar hundert Meter weiter war unmittelbar vorher, um 1899, der Rheinsberger Bahnhof entstanden. Die Eisenbahn lockte andere Investoren an, wie man heute sagen würde. Friedrich Wittkopf richtet in dem Anwesen an der Berliner Straße ab 1906/07 eine Getreide-, Futter- und Düngemittelhandlung ein. Noch heute ist das neben der großen Tordurchfahrt in schwarzer Schrift auf grauem Putz zu lesen. So wie es Albert Behnfeldt damals errichtete, macht das Haus mit seinem hochgezogenen Giebel, dem kleinen Eckbalkon und der verzierten Fassade einiges her. Doch der erste Eindruck täuscht, sagt Restaurator Jochen Hochsieder und lächelt wissend: „Das Haus wurde damals nach dem Motto gebaut: vorne hui und hinten pfui. " An der Straße wirkt alles sehr repräsentativ, dabei ist der Eckbalkon eigentlich so winzig, dass gerade so ein Stuhl darauf passt. „Hinten wurde alles nur ganz einfach angelegt", sagt Hochsieder, funktional und ohne unnötige Schnörkel. Den hohen Denkmalwert zweifelt der Fachmann für historische Bauten in keiner Weise an. Dass der Umbau sich so lange hinzieht, liegt auch an der Detailversessenheit, mit der Hochsieder und seine Kolleginnen aus Rheinsberg die ursprüngliche Bausubstanz nach und nach wieder freilegen. Geholfen haben dabei die vielen Bauunterlagen, die der Verein Stadtgeschichte über das Anwesen zusammengetragen hat. Aus denen ließ sich bis ins Detail entnehmen, was dort einmal wie geplant und gebaut worden ist. Selbst der ursprüngliche Bauantrag lag dabei: ganze sechs Seiten, heutzutage absolut undenkbar.
Doch nicht alles war in den Unterlagen zu erkennen. Im Foyer entdeckten die Restauratoren unter Schichten alter Farbe etwas, das so niemand für möglich gehalten hätte. Alle Wände und die Decke sind mit aufwendigen Malereien verziert. Jochen Hochsieder kennt viele historische Gebäude in der Region, aber so etwas hat auch er noch nicht gesehen: tausende farbige Punkte lassen wunderbare Muster erkennen. „Das ist Art deco" , sagt Hochsieder. Eine Restauratoren Kollegin ist seit Wochen dabei, mit dem Skalpell die alte Ölfarbe Millimeter für Millimeter abzutragen, unter der sich die Schablonenmalerei verbirgt. Ein Ende ist noch nicht abzusehen...
[Bildmittig] Restaurator Jochen Hochsieder (I.) und Bauherr Leif Miller haben viele historische Dokumente zusammengetragen, um die einstige Getreide- und Futtermittelhandlung an der Berliner Straße in Rheinsberg so originalgetreu wie möglich sanieren zu können. FOTO: REYK GRUNOW
[ Bild unten links] Die Firma Sunbender Immobilien saniert in Rheinsberg das alte Haus Wittkopf in der Berliner Straße 44. FOTO: ALEXANDER BECKMANN
[Bild unten ] Zum Hof gehört eine große, unterkellerte Terrasse. Sie wird von einem Solardach geschützt und war früher wohl einmal Warenlager. FOTO: REYK GRUNOW
[Script links] Am liebsten würde ich hier selbst einziehen. Leif Miller, Bauherr
Tag des offenen Denkmals 2026
Diese Häuser in Ostprignitz-Ruppin laden am Sonntag, 13. September, zu Besichtigungen ein: Klosterkirche Neuruppin: 12 bis 18 Uhr; Kulturhaus Stadtgarten Neuruppin: 11 bis 18 Uhr; Dorfkirche Bechlin, Dorfstraße 52a: 12 bis 15 Uhr; Stülerkirche Nietwerder, Dorfstraße 13: 13 bis 16 Uhr; Dorfkirche Radensleben, Dorfstraße 88 a: 11 bis 16 Uhr; Gut Gentzrode: Führung ab 14 Uhr; Haus Wittkopf Rheinsberg, Berliner Straße 44: 13 bis 16 Uhr; Klosterruine Lindow, Kloster 3 bis 7: Führungen 11 bis 12 Uhr und 13 bis 14 Uhr; Kirche Langen, Dorfstraße 20: 10 bis 14 Uhr; Dorfkirche Wustrau, Zietenstraße 6: 14 bis 17 Uhr; Motormühle Kränzlin, Kleine Straße 32: 11 bis 17 Uhr Wege-museum Wusterhausen und Bibliothek, Am Markt 3:10 bis 17 Uhr; Kultur-Kloster Kyritz, Johann-Sebastian-Bach-Straße 2: Führungen um 13,14 und 15 Uhr; Lokomotiv- und Triebfahrzeug-schuppen Kyritz, Strüwestraße: 11 bis 19 Uhr; Bahnhof Wittstock, Bahnhof-straße 2:10 bis 14 Uhr; Kirche Hohen-ofen, Neustädter Straße 24: 11 bis 17 Uhr Kloster Stift zum Heiligengrabe: 10.15 bis 17 Uhr; Neues Schloss Freyenstein, Marktstraße 48: 11 bis 16 Uhr
