Lars Grote
(aus: Märkische Allgemeine; 23.07.2026)
Katastrophe auf den letzten Metern
Alles lief zu auf den „schrecklichen Tag", an dem der Krieg massiv nach Rheinsberg kam. RBB-Journalist Knut Elstermann hat ein Buch über die Tragik und die Opfer des Ortes verfasst
Von Lars Grote
Rheinsberg. Das Gespräch läuft notwendig hinaus auf eine Flasche Wasser mit viel Sprudel, bloß kein stilles! Knut Elstermann schenkt immer wieder nach. Auch die Gedanken schenkt er nach. Elstermann ist jederzeit bereit zu Widerspruch, auch zum Abzweig zu ganz neuen Themen. Es ist nicht leicht, sich einen Zeitrahmen zu setzen mit dem Journalisten Elstermann. Man denkt an 90 Minuten, die Länge eines Spielfilms. Denn einen Namen hat er sich gemacht als Fachmann für das Kino, oft bei Radio Eins vom RBB. Es werden dann zweieinhalb Stunden. Die Länge eines Blockbusters - Filme, die dramaturgisch immer wieder Leerlauf haben. Bei Knut Elstermann hingegen lässt die Spannung nicht mal für Minuten nach. Thema an Thema, Position an Position. „Kino King Knut" nennen sie ihn bei Radio Eins. Der König leidet am Image des RBB, für den er freiberuflich arbeitet. Knut Elstermann nimmt Fragen der Moral nicht auf die leichte Schulter, sie bewegen ihn. Der RBB hatte geprasst, war großspurig geworden in der Ära Schlesinger. So freundlich man ihm gegenübersitzen kann bei einer Flasche Wasser, so klar bekennt er Farbe, wenn gesellschaftlich der Kitt zu bröckeln droht. Er ist da wachsam, „vielleicht ist das meine ostdeutsche Sozialisation", sagt er. Elstermann will ein Land, in dem Konflikte besprochen werden, nicht beschwiegen, weil sie sonst explodieren. Gerade war er, geboren 1960, bei seinem Schwiegersohn in Florida, „der hat sich nahezu entschuldigt für die USA, dabei kann er nichts für die Entwicklung unter Trump " Für nötig hält Knut Elstermann hingegen, dass der Kabarettist Dieter Nuhr mal etwas sagt zu seinem überspitzten Beitrag in der ARD-Show „Nuhr im Ersten XXL ", wo er zur Debatte über Morde an Frauen, sogenannten Femiziden, den Ratschlag gab, Frauen sollten den Partner vor dem Geschlechtsverkehr „einfach erstmal kennenlernen" -dann würde sowas nicht passieren. Knut Elstermann hatte bei Instagram zu Nuhr gepostet: „Natürlich darf Satire alles, wie der gute, alte Tucholsky sagt. Aber Dieter Nuhr bietet gar keine Satire, er legt keine Machtstrukturen offen, er macht den Mächtigen nicht das Leben etwas schwerer, sondern Opfer von Gewalt lächerlich. Für mich als freier RBB-Mitarbeiter ist das schwer erträglich, ich schäme mich für diesen Auftritt. " Als Elstermann zurückgekommen war aus Florida, lautete der Stand der Diskussion; 44.600 Herzen auf Instagram, 1700 Kommentare, 1100 Mal Weitergeleitet. „Auch auf Facebook war eine Menge los", sagt er. „Nicht nur Zustimmung, die Kommentare gingen manchmal unter die Gürtellinie." Es ist erstaunlich, wie Elstermann mitunter aneckt. Kraft zieht er aus der Lust zum Argument, zur sauberen Rhetorik, die nicht verschleiert, sondern in den Blick nimmt. Manchmal wirkt er rigoros. Dabei hat er eigentlich ein anderes Image. „Ich weiß, die Leute sagen, ich sei sehr freundlich, wenn es ums Kino geht", fasst er zusammen. Wenn er donnerstags, zum Kinostart, drei Werke wählt, nimmt er die guten, und er lobt sie. Es sei denn, es sind die großen, übergroßen, von denen alle reden. „Michael", ein Stück zu Michael Jackson, hat er in Grund und Boden geredet, in knappen Sätzen, ein Verriss mit fester Stimme. Seine Gäste in den Interviews behandelt er stets fein, fast nobel. Immer ein Interesse an der anderen Meinung, kein Zynismus - nie ein Überdruss, den man durchaus verstehen könnte, wenn man seit Jahrzehnten hauptberuflich Filme schaut. Dann indes, der andere Elstermann, wenn es um gesellschaftliche Fragen geht, um Politik, gar Krieg: „Ich habe mich mit Freunden verkracht, als es um Putins Angriff auf die Ukraine ging. " Wenn er den Satz hört, „der Krieg ist schlimm, aber man muss die Vorgeschichte kennen", ist es für ihn vorbei. „Ich akzeptiere bei diesem Krieg keine Relativierung. " Und so ist es auch bei Hitlers Krieg. Eine märkische Facette dieses Krieges hat Knut Elstermann in seinem Buch „Rheinsberg - Das Jahr 1945" beleuchtet, herausgegeben vom Verein Stadtgeschichte Rheinsberg, wo es kostenlos verteilt wird. Eigentlich sollte das Buch 2025 erscheinen, 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Begonnen hatte Peter Böthig mit der Arbeit am Projekt, bis 2024 war er Leiter des Kurt-Tucholsky-Literaturmuseums im Schloss Rheinsberg. Er wurde krank. Elstermann übernahm Hat sich eingearbeitet in dieses Feld, auf dem als Zeugen nur noch hochbetagte Menschen Auskunft geben konnten, die Kinder waren, als der Krieg zu Ende ging.
Rheinsberg liegt Elstermann am Herzen, auch darum, weil er dort ein Gartenhäuschen hat, in das er häufig aus Berlin anreist. Sein Buch über den Krieg lässt keine Zweifel an der deutschen Schuld und schaut doch näher auf diesen Ort. 40 zerstörte Häuser und mehr als 150 Tote in Rheinsberg, die der Krieg gefordert hat in diesem Randgebiet der Mark, wo die Schlacht nie richtig tobte. Doch es kam zum „schrecklichen Tag", wie Knut Elstermann und überhaupt die Stadt ihn nennt, dem 29. April 1945. Nur eine gute Woche vor der deutschen Kapitulation. Was geschah an jenem Sonntag? „Ein Kriegsverbrechen", sagt Knut Elstermann. Die sowjetische Armee kam näher. „Eine reale Chance für die Rettung der Stadt eröffnete sich in den frühen Vormittagsstunden des 29. April, als ein sowjetischer Parlamentär, im Range eines Hauptmanns oder Majors, mit einer weißen Fahne für Verhandlungen nach Rheinsberg kam", so steht es im Buch. „Bürgermeister Otto Winrich wollte Rheinsberg als ,freie Lazarettstadt' übergeben, nahm die Hakenkreuzfahne vom Rathaus und hisste eine weiße Flagge. Die SS trieb ihn daraufhin in den Selbstmord, er erhängte sich in seiner Wohnung." Das ist Tragödie genug. Die Tragödie wuchs sich aus. zur Katastrophe, auch wenn der ganz genaue Hergang nicht mehr im Detail belegbar ist. Der sowjetische Parlamentär wurde erschossen, trotz weißer Fahne, wohl durch Karl Recke, den Ortsgruppenleiter der NSDAP. Selbst in einem Krieg gilt so ein Bruch der Konvention als ein Verbrechen. Die Rache der Sowjets war furchtbar, die Stadt wurde von Tieffliegern bombardiert. Das Schloss am See jedoch blieb ausgespart, nur ein paar Kratzer waren zu beklagen. Nahezu ein Wunder. Mit Fotos, Berichten der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen oder Dokumenten wird der Schrecken dieses Jahres gebündelt, begleitet von Texten des Autors Elstermann, der hier Historie rekonstruiert und nach ihr tastet - in der Faktenlage sachlich, in der Emotion entschieden anteilnehmend. Zum Schluss des Buches dann ein Auszug aus den Akten, ganz ohne Kommentar, die „Totenliste für Selbstmörder und Ermordete in Rheinsberg, 1945". Eine Liste des Grauens, als erster Eintrag: „Leiche weiblich, ca. 20-25 Jahre alt, kein natürlicher Tod, wahrscheinlich mehrfach vergewaltigt: aufgefunden in der Villa Keilpflug, General-Litzmann-Str. 4." So endet ein Werk, dessen Verdienst nicht überschätzt werden kann. Eine akribische Arbeit, mit Seele komponiert, die in Rheinsberg auf großes Interesse stößt. „Bei der Buchpremiere brauchten wir viele zusätzliche Stühle", berichtet Elstermann. Begießen sollte man diesen Erfolg mit stillem Wasser. Mit Andacht. Ohne Sprudel.
[ Großes Foto oben] RBB-Journalist Knut Elstermann hat selbst ein Gartenhäuschen in Rheinsberg, der Ort ist ihm vertraut. FOTO: FRANK NENNEMANN
[Skript mittig oben ] Ich akzeptiere bei diesem Krieg keine Relativierung.
Knut Elstermann, Journalist, zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine
[Skript mittig unten] Leiche weiblich, ca. 20-25 Jahre alt, kein natürlicher Tod, wahrscheinlich mehrfach vergewaltigt: aufgefunden in der Villa Keilpflug, General-Litzmann-Str. 4.
Vermerk in Rheinsberger Akten des Jahres 1945
Info Knut Elstermann: Rheinsberg —Das Jahr 1945. 159 Seiten. Herausgegeben vom Verein „Stadtgeschichte Rheinsberg" und dort kostenlos erhältlich. Infos und Bücher unter www.stadtgeschichte-rheinsberg.de
