Christina Tilmann
(aus: Ruppiner Anzeiger; 07.08.2026)
Wie der Krieg nach Rheinsberg kam
Journalist Knut Elstermann erzählt auf Basis von Zeitzeugengesprächen vom Jahr 1945 in der Prinzenstadt.
Rheinsberg. Sie waren fünf, sechs Jahre alt, in jenen dramatischen Tagen im April 1945. Heute sind die Rheinsberger Zeitzeugen, die der Journalist Knut Elstermann im Zuge seiner Recherchen befragt hat, hochbetagt. Sie haben lange nicht gesprochen über das, was damals geschah, haben ihr Leben gemacht in den Jahren nach 1945, als die Stadt Rheinsberg einen Neuanfang aus Trümmern suchte. Und doch: „Alle waren sofort bereit, mit mir zu sprechen und mir zu helfen, Antworten auf meine Fragen zu finden: Wie spiegelten sich die großen Epochenumbrüche in der Provinz einer brandenburgischen Kleinstadt?", schreibt Elstermann in seinem Buch „Rheinsberg - Das Jahr 1945". Die Aufgabe, die er im Auftrag des Vereins Stadtgeschichte Rheinsberg von Peter Böthig, dem langjährigen Leiter des Kurt-Tucholsky-Museums, übernahm, war nicht leicht. Viel war nicht erhalten in den Archiven, die Aktenlage dürftig, vieles beim Brand des Rheinsberger Rathauses zu Kriegsende vernichtet.
Rheinsberg 1945: angewiesen auf die Erinnerungen der Zeugen So ist der Journalist auf Erinnerungen angewiesen, mit aller gebotenen Zurückhaltung angesichts des langen Zeitraums, der zwischen Ereignis und Erzählung liegt. In zehn Kapiteln schreibt er von Todesmärschen und Zwangsarbeit, von geraubter Kunst, von Tätern und Opfern. „Es ist ein lückenhaftes Bild voller Brüche und Widersprüche, aber lebendig und unverstellt", heißt es im Buch. Der Krieg kam spät nach Rheinsberg, aber mit Macht. Am 29. April 1945 kam ein sowjetischer Parlamentär mit einer weißen Fahne für Verhandlungen nach Rheinsberg - und wurde vom Ortsgruppenleiter der NSDAP, Karl Recke, erschossen. Bürgermeister Otto Winrich, der Rheinsberg als „freie Lazarett-stadt" kampflos übergeben wollte und eine weiße Flagge gehisst hatte, wurde von der SS in den Selbstmord getrieben, gemeinsam mit seiner Frau und seiner Pflegetochter. Die Sowjetarmee nahm am selben Tag furchtbar Rache, beschoss die Kleinstadt am Grienericksee mit Stalinorgeln und Fliegern. Am Ende waren 40 Häuser beschädigt oder zerstört, 20 Menschen kamen um. Als die sowjetischen Truppen gegen 20.30 Uhr die Stadt erreichten, folgten Brandstiftungen, Plünderungen, Vergewaltigungen. Viele Menschen wählten aus Angst den Freitod.
Erschütterndes Dokument: die Todesliste von Rheinsberg Aus jenen Tagen existiert eine „Totenliste für Selbstmörder und Ermordete in Rheinsberg", die 180 Todesfälle verzeichnet: 30 Menschen wurden erschossen, 17 hängten sich auf, 21 vergifteten sich. „Es ist das erschütterndste Dokument, das ich bei den Recherchen las", schreibt Elstermann. „Hinter der nüchternen Auflistung, den fragmentarischen Angaben, den bedrückenden Details stehen die Schicksale der Opfer in den letzten Tagen des Kriegs, viele von ihnen werden für immer unbekannt bleiben." Die ganze Dramatik jener letzten Kriegstage wird Elstermann erst im Zuge seiner Recherchen deutlich. Die Prinzenstadt, in der er regelmäßig die Wochenenden verbringt, erscheint ihm heute „seltsam zerbrechlich und verwundbar", weil er weiß, an welcher Ecke der Parlamentär erschossen wurde, wie viele Menschen in bombardierten Häusern starben, die heute wieder aufgebaut sind, und wo der Todesmarsch der KZ-Häftlinge aus .Sachsenhausen langführte. „Die Zeichen sind alle da, man muss sie nur sehen wollen." Dazu ist dieses Buch eine große Hilfe.
Knut Elstermann: „Rheinsberg -Das Jahr 1945", Stadtgeschichte Rheinsberg e.V., 160 Seiten. Das Buch ist kostenlos erhältlich beim Verein Stadtgeschichte Rheins-berg, solange der Vorrat reicht Christina Tilmann
[Foto] Rheinsberg 1945: Bombentreffer zerstörten 40 Häuser in der Stadt, so auch dieses in der Kirchstraße 31. Foto: Frau Westphal
