Historie Ein Gutachten hat 1946 das Leben von Elisabeth Schwickart verändert. In Rheinsberg sollte nach Meinung ihres Sohnes deshalb eine Straße umbenannt werden. Von Christian Bark
Christian Bark
(aus: Ruppiner Anzeiger; 05.01.2026)
Alles beginnt mitten im Zweiten Weltkrieg in Neuruppin. 1943 lernt der 22-jährige Waldemar B., Obergefreiter in einer Reserveeinheit der Wehrmacht, die zwei Jahre jüngere Schwesternhelferin Elisabeth Schwickart kennen. Waldemar liegt im Lazarett, die jungen Leute verlieben sich ineinander. Doch die Liebesgeschichte endet später tragisch.
Der Wehrmachtssoldat stammt aus Rheinsberg, Elisabeth Schwickart aus Düsseldorf. Die Frau wird schwanger, woraufhin Waldemar sie im Juli 1944 heiratet. Sie zieht zu ihren Schwiegereltern nach Rheinsberg, die dort eine Weinhandlung betreiben. Vor allem bei der Mutter ihres Mannes hat die Frau einen schweren Stand. Als ihr Sohn Jürgen geboren wird, spitzt sich die Lage zu. „Dann setzte richtiges Mobbing gegen meine Mutter ein", erzählt Jürgen Hansmeyer.
Der 81-Jährige lebt heute im hessischen Burgwald. Die zunächst schöne und danach tragische Geschichte seiner Mutter in Neuruppin und Rheinsberg lässt ihn bis heute nicht los. Als der Junge auf der Welt ist, missfällt der Schwiegermutter das Geschlecht. „Man hatte wohl eher ein Mädchen gewollt", so Hansmeyer. Hinzu kam der Vorwurf der Schwiegereltern: „Das Kind kann gar nicht von Waldemar sein. Es sieht ihm gar nicht ähnlich." Ende 1944 kommt es zwischen Schwiegereltern und Schwiegertochter zum Zerwürfnis. Elisabeth verlässt Rheinsberg Richtung Düsseldorf. Waldemar kämpft inzwischen wieder bei seiner Artillerieeinheit an der Front in Italien. Der Zug mit Elisabeth und ihrem Kind kommt wegen Kriegsschäden nicht bis Düsseldorf. Sie bleiben auf halber Strecke in einem kleinen Ort im Sauerland hängen.
Dort lebt Hansmeyers Tante. Bald kann sich seine Mutter wieder als Schwester im hiesigen Krankenhaus engagieren. Von Waldemar erhält sie Unterhalt. Die Schwiegermutter in Rheinsberg soll ihren noch an der Front kämpfenden Sohn später zu einer Scheidungsklage überredet haben, die 1946 dann auch Erfolg hatte. Die Begründung: Die Ehefrau soll versucht haben, ihrem Mann ein Kind unterzuschieben. Dessen Vater habe er nach Aussage des 1946 vom Gericht bestellten Gutachters Martin Henning aber nicht sein können.
Martin Henning war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und danach einer der wenigen Ärzte, wenn nicht der einzige Arzt in Rheinsberg. Vielen verwundeten Soldaten und Zivilisten rettete er das Leben. Laut Jürgen Hansmeyer soll er damals schwangere Frauen sogar kostenlos behandelt haben - so auch Elisabeth Schwickart. Das ist aus Sicht des heute 81-Jährigen auch alles lobenswert.
Doch dann habe der Rheinsberger Arzt in seinem Leben und dem seiner Mutter eine äußerst unrühmliche Rolle gespielt, wie er sagt. Hansmeyer wirft Martin Henning eine falsche Berechnungsformel der Schwangerschaft wider besseres Wissen vor. Nach der damals bereits bekannten Berechnungsformel habe die Geburt am 22. September 1944 durchaus im Bereich des Möglichen gelegen und war nicht, wie Henning behauptet hatte, mindestens vier Wochen verfrüht. Elisabeth Schwickart habe im Januar 1944 lediglich erst einmal den Verdacht geäußert, schwanger zu sein, weil ihre Periode ausgeblieben war. Ferner argumentiert Hansmeyer, dass im Falle des Zweifels ein Blutgruppentest hätte angewandt werden können. „Offensichtlich bestand kein Interesse an der Findung der Wahrheit", schildert er. Die Vaterschaft des Rheinsbergers an dem Kind wurde 1947 gerichtlich aberkannt, und damit auch alle Rechte auf Unterhalt.
Eine Ursache für die Klage seines Erzeugers sieht Jürgen Hansmeyer darin, dass Waldemar 1947 wieder neu hatte heiraten wollen. Er war inzwischen aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden und lebte in Regensburg. Dabei ließ die Korrespondenz beider vormaliger Eheleute noch auf ein durchaus gutes Verhältnis zueinander schließen. Waldemar hatte Elisabeth 1946 einen liebevollen Brief geschrieben, im November 1946 schreibt ihm Elisabeth von „unserem Sönnchen". Die Gerichtsprozesse beschreibt Hansmeyer als unwürdig und das Verhör seiner Mutter als „peinlich". „Sie wurde ja nun wie ein Flittchen behandelt", so der Senior. Waldemars liebevoller Brief kann seiner Ansicht nach aber auch nur deshalb verschickt worden sein, weil dieser erfahren wollte, wo seine Eltern zu dem Zeitpunkt waren. Sie hatten Rheinsberg inzwischen verlassen und lebten im Raum Göttingen.
Noch 1948 hatte Elisabeth Waldemar fragen müssen, ob sie neu heiraten dürfe. Sie heiratete einen Herrn Hansmeyer, der Jürgen Hansmeyers Stiefvater und Vater seiner Halbschwester wurde.
1968 hatte Hansmeyer seinen Erzeuger angerufen, ihn mit der Geschichte konfrontiert und eine abschlägige Antwort erhalten. In den 1990er-Jahren begab sich Jürgen Hansmeyer in Rheinsberg erstmals auf Spurensuche. Er traf sogar die Hebamme von damals. Als er sie fragte, ob sie von seiner Großmutter animiert worden sei, einen falschen Empfängnistermin auszusagen, soll sie die sich abgewandt und die Fenster geschlossen haben. Auch zur Familie des 2013 verstorbenen B. suchte Hansmeyer Kontakt - ohne Erfolg. 2019 hatte er dessen Witwe auf seinen Erbteil verklagt. Die Kenntnis über den Tod Waldemars hat ihn 2019 alles wieder aufrollen lassen. Er forderte weitere Akten an.
Bei einem Blick auf einen Rheinsberger Stadtplan 2022 fiel ihm die Dr.-Martin-Henning-Straße ins Auge. „Dieser Mann hat das Leben meiner Mutter zerstört. Er wurde dafür noch Ehrenbürger und eine Straße wurde nach ihm benannt", ärgert sich Hansmeyer. Entsprechend richtete er an die Stadtverordneten seine Forderung nach Aberkennung der Ehrenbürgerschaft und einer Straßenumbenennung. „Er hat sicher viel Gutes getan. Aber ich laste ihm dieses eine Gutachten an." Zuletzt hatten die Stadtverordneten den Antrag im Juli 2025 auf der Tagesordnung. Jürgen Hansmeyer wusste davon nichts, auch nicht von der Ablehnung durch das Parlament.
Dieses hatte sich dabei auf eine Stellungnahme des Vereins für Stadtgeschichte Rheinsberg berufen. „Wir zweifeln die Verleihung des Titels nicht an", so der Vereinsvorsitzende Jörg Möller mit Verweis auf Hennings Wohltaten und die heute schwer nachvollziehbaren Rahmenbedingungen.
Jürgen Hansmeyer nimmt den Beschluss inzwischen resigniert hin. „Es folgt wahrscheinlich nichts mehr. Das kostet nur Zeit und Nerven", sagt er. Wichtig ist ihm aber, dass seine 1993 verstorbene Mutter nicht als „Flittchen" in Erinnerung bleibt, sondern als tragische und dadurch lebenslang traumatisierte Frau - und als die „Seele von Mensch", die sie immer gewesen sei.
[Bildtitel mittig:] Der Rheinsberger Soldat Waldemar B. heiratetr die hochschwangere Elisabeth Schwickart im Juli 1944 in Düsseldorf. Später wurde die Ehe geschieden. Fotoarchiv: Jürgen Hansmeyer
[Bildtitel rechts:] Jürgen Hansmeyer wurde 1944 in Rheinsberg geboren. Foto: Jürgen Hansmeyer
