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Das S bleibt stumm

Brian Kehnscherper
(aus: Ruppiner Anzeiger; 27.09.2016)

Das S bleibt stumm Der aus Frankreich stammende Rheinsberger Künstler Tony Torrilhon wird heute 85 Jahre alt Von BRIAN KEHNSCHERPER Rheinsberg (RA) „Rheinberg“ - wenn der Künstler Tony Torrilhon den Namen seiner Wahlheimat ausspricht, verschluckt er das S. Heute feiert er seinen 85. Geburtstag. Torrilhon hat in seinem Leben bereits viel erlebt. Er studierte Medizin, diente als Militärarzt im Algerienkrieg und lebte lange in Florenz, bevor es ihn nach Deutschland zog. Die Deutschen kannte Tony Torrilhon am Anfang nur als Feinde. Aufgewachsen in einem Landhaus nahe Paris, erlebte er als Kind, wie die Wehrmacht die Stadt an der Seine besetzte. „Ich erinnere mich, wie die Deutschen durch die Straßen marschierten:, Eins, zwo, eins, zwo". Und sie sangen dabei.Im französischen Militär wird nicht so viel gesungen“, ` sagt der Jubilar. Er sitzt in seinem Atelier an der Rheinsberger Schlossstraße und kramt in seinen Erinnerungen. Vieles, vor allem aus der Jugend, ist nach all den Jahrzehnten schon etwas verblasst. Doch bestimmte Bilder haben sich eingebrannt. Wie kurz nach der Landung der Alliierten deutsche Offiziere an der Tür der Familie klopften, um nach Unterkunft zu fragen, ist eines davon.„Mehrere hundert Soldaten hatten auf der Wiese ihr Lager aufgeschlagen“, so Torrilhon. Die Kinder - der heute 85-Jährige hatte noch vier Geschwister - bekamen von den Landsern sogar Bonbons. Und nachdem diese weitergezogen waren, suchten die Jungen, was zurückgelassen wurde. Noch so eine Erinnerung, die viele andere überdauert hat: „Wir haben das Schießpulver aus den Patronen entfernt und zündeten es an. Puff“, sagt Torrilhon. Und der Glanz in seinen Augen zeigt, wie lebhaft diese Erinnerung auch mehr als 70 Jahre später noch ist. Das Torillhon einmal Künstler werden und mehr als die Hälfte seines Lebens in Deutschland verbringen würde, war lange Zeit nicht abzusehen. Er redet nicht gerne darüber und würde es am liebsten verschweigen, aber er hat Medizin studiert und promoviert. Warum ihm das so unangenehm ist? „Ich möchte Anerkennung als Künstler, nicht als Mediziner. Ich glaube in Deutschland ist ein Arzt mehr geachtet als ein Künstler", sagt er. Doch während seines Studiums merkte er bereits, dass sein Hang zur Kunst immer stärker wurde. „Die Medizin interessierte mich immer weniger“, sagt er. Das Thema seiner Doktorarbeit zeigt bereits die Neigung zum Musischen. Er promovierte zum Thema „Die Pathologie des Pieter Bruegel“. Der niederländische Renaissance-Maler Pieter Bruegel der Ältere hatte viele Porträts von Landarbeitern angefertigt und durch die bloße Beobachtung Krankheiten erkannt. „Während andere ihre Arztkarrieren vorbereiteten, wollte ich lieber Kunst machen“, so Torrilhon. Doch der Algerienkrieg kam ihm dazwischen. Das Militär suchte wegen des Konflikts um die Unabhängigkeit der Kolonie dringend nach Medizinern. 1957, im Alter von 26 Jahren, kam Torrilhon in dem nordafrikanischen Staat an. Da er bei den Gebirgsjägern, einer kämpfenden Einheit, war, bekam er viel Leid mit. „Ich habe Tote und Verletzte gesehen.“ Zu seinem Glück sei seine Abteilung aber nicht oft in Kampfhandlungen verwickelt gewesen. Daher konnte Torrilhon auch die Einheimischen behandeln - Kinder, eine Frau mit Lungenentzündung, Männer mit Hautkrankheiten. So kam er auch mit der islamischen Kultur in Kontakt. Und wenn er von den verschleierten Frauen erzählt, funkeln seine Augen wieder, als sähe er sie noch immer bildlich vor sich. Ab 1961 konnte der Mediziner sich endlich der Kunst widmen. Er zog nach Florenz und hielt sich dort mit Malerei über Wasser. Vier Jahre lebte Torrilhon in der toskanischen Großstadt. Dabei eignete er sich fließendes Italienisch an und begegnete auch zum ersten Mal seit dem Abzug der Wehrmacht aus seiner Heimat wieder einem Deutschen. Dieser studierte Romanistik und wollte in Italien seine Sprachkenntnisse verbessern. Torrilhon freundete sich mit dem Mann, Wolf Neubauer, an. „Dabei verschwanden alle Vorurteile und dummen Klischees“ hatte er einmal über jene Zeit notiert. Wolf war es schließlich, der den französischen Künstler nach West-Berlin holte. Ab 1965 studierte dieser dort an der Hochschule für Bildende Kunst. Deutsch konnte er da noch nicht. Heute muss er auflachen, wenn er dran denkt. " Das war ein Problem," Doch seine Kommilitonen gaben ihm Sprachunterricht. Er brachte ihnen im Gegenzug Französisch bei. Bis auf ein kurzes Intermezzo in Paris Anfang der 1970er-Jahre sollte Torrilhon Deutschland nicht mehr verlassen. In seinem Gastland lernte er seine erste Ehefrau kennen, die er 1974 heiratete. Mit ihr zeugte er drei Kinder. „Sie war Schulpsychologin. Ich begann, meine Bilder zu verkaufen. Der Maler malte, und sie verdiente die Brötchen“, schildert er jene Jahre. Die Ehe hielt bis 1981. Als frisch gebackener Junggeselle stürzte er sich in die Arbeit, hatte zahlreiche Ausstellungen und verkaufte viele seiner Werke. Und dann zog es ihn nach Rheinsberg. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau, die er 1999 heiratete, hatte er bereits einen Zweitwohn sitz in der Prinzenstadt. Dr. Peter Böthig, der Leiter des Tucholsky-Museums, ließ ihn im Sommer 2000 Holzplastiken und Kupferstiche ausstellen. Wie groß die Resonanz war, kann Torrilhon auch heute noch nicht fassen. „Wir haben fast 15 000 Eintrittskarten für die Ausstellung verkauft. Unvorstellbar. Und die Leute haben gekauft wie verrückt“, erinnert er sich mit ungläubigem Blick. „Das war vollkommen unerwartet. Welcher Tourist kommt extra in die Stadt, um dort Kunst zu kaufen?“ Der überraschende Erfolg stärkte den Wunsch danach, dauerhaft in Rheinsberg sesshaft zu werden. 2OO3 kaufte der Senior das Haus, in dem noch heute sein Atelier ist. 2005 wurde dieses feierlich eröffnet. Seine Frau konnte nicht mehr viel Zeit mit Tony Torrilhon in dem neuen Zuhause verbringen. Sie verstarb bereits Ende 2005. Um etwas gegen die Einsamkeit zu unternehmen, stürzte er sich ins Ehrenamt. Torrilhon ist sowohl Mitglied im Kirchenchor als auch im Heimatverein und imVerein Stadtgeschichte. Auch mit seiner Kunst hat er bereits Spuren in der Stadt hinterlassen. Seine Holzskulpturen zur Odysseus Mythologie am Bollwerk sind ein Hingucker - und nicht ganz unumstritten. Trotz all der Jahre in Deutschland glaubt Torrilhon, dass er seinen französischem Akzent nicht los wird. Und die Marotte, die Stadt, in der er seinen Lebensabend verbringt, „Rheinberg“, zu nennen, wird er wohl auch nicht mehr ablegen.

 
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