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Als der Krieg auch Rheinsberg erreichte

Brain Kehnscherper
(aus: Ruppiner Anzeiger; 18.02.2015)

Doris Lippuner erlebte als Zehnjährige den Einmarsch der Roten Armee in der Prinzenstadt mit.

Lange war Rheinsberg vom Kriegsgeschehen verschont geblieben. Doch am 29. April 1945, vor beinahe 70 Jahren, wurde auch die Prinzenstadt zum Schauplatz des Grauens. Die heute 80-jährige Doris Lippuner erlebte die bangen Tage vor und nach dem Einmarsch der Roten Armee.

Doris Lippuner interessiert sich sehr für die Geschichte. Sie ist Mitglied des Vereins Stadtgeschichte Rheinsberg. Für ihre Kinder hat sie eine Chronik ihres Lebens erstellt. Denn die Vita der 80-Jährigen ist mit einen der schwersten Tage in der Geschichte Rheinsbergs verbunden.

Seite 1941 lebte sie bei ihren Großeltern, die in der Mühlenstraße ein Kolonialwarengeschäft hatten. Ihr Vater war in jenen Jahren an der Ostfront gefallen. Sein Flugzeug war in
5 000 Metern Höhe durch einen Volltreffer im Bombenschacht abgeschossen worden, wie sie Jahre später herausfand. Ihre Mutter wollte sich nicht um das Kind kümmern, heiratete auf Norderney neu.

Auch wenn Doris Lippuner, damals noch Groth, noch ein Kind war, kann sie sich an vieles erinnern. "1945 kamen viele Flüchtlinge nach Rheinsberg, aus den östlichen Gebieten, auf der Flucht vor den Russen, aber auch aus Berlin", schildert sie. "Einige waren auf dem Kirchplatz untergebracht. Die Rheinsberger bekamen Leute zugewiesen. Die Flüchtlinge wurden nicht immer gern aufgenommen. Bei uns im Haus lebte eine junge Frau aus Berlin mit Kind". Weil der Keller des Gebäudes ihrer Großeltern aus Feldsteinen gemauert war, wurde er als Luftschutzkeller deklariert. Ein Holzverschlag mit einem Eimer diente als provisorische Toilette.

"Damals ging die Sirene sehr oft", erinnert sich die 80-Jährige. Meist flogen die Bomber nur über Rheinsberg, um ihre tödliche Fracht über Berlin abzuwerfen. Am 29.April sollte es aber auch das kleine Städtchen 90 km nördlich treffen. "Der Volkssturm hatte Befehl, Rheinsberg zu verteidigen", so Lippuner. Dazu waren nach Aufzeichnungen des historischen Vereins drei Panzersperren errichtet worden - eine in der Schlossstraße, eine in der Rhinstraße und eine an der Rhinbrücke. Dort wurden zudem Sprengladungen an der Rhinbrücke abgebracht. Als bekannt wurde, dass die Rote Armee nahe war, bereiteten sich viele Einwohner am Morgen des 29. April darauf vor, die Stadt zu verlassen. Dabei hätte das Schlimmste vielleicht noch verhindert werden können.

Am Vormittag kam ein russischer Unterhändler in die Stadt, um deren Übergabe auszuhandeln. Der damalige Bürgermeister Otto Winrich wollte die Stadt kampflos übergeben, hatte am Rathaus bereits die weiße Flagge hissen lassen. Doch die SS war in der Stadt und folgte den Durchhalteparolen der Nazzi-Führung. Doris Lippuner erlebte es zwar nicht selbst, sie hörte jedoch, dass der Unterhändler, ein Offizier, erschossen worden war. So ist es auch anderen Quellen festgehalten. Die Tragödie nahm ihren Lauf.
Gegen 12 Uhr schoss ein Jagdflugzeug einen Wehrmachtsballon ab. In den folgenden Stunden brach die Hölle über Rheinsberg herein. Die Sowjets beschossen die Stadt mit der gefürchteten Stalinorgel, einem Mehrfachraketenwerfer. Fünf oder sechs Jagdflieger stürzten im Tiefflug übe die Straßen, klinkten ihre Bomben aus und feuerten mit den Bordkanonen auf Mensch und Autos. Die Straßen waren vollgestopft mit Fahrzeugen der Wehrmacht und beladenen Wagen der fliehenden. Es herrschte heilloses Durcheinander. Menschen und Tiere wurden zerfetzt. Der Zeitzeuge Günter Nikolai schildert in einem schriftlichen Bericht, der im Archiv des Vereins Stadtgeschichte zu lesen ist, die grauenhaften Stunden. Der Beschuss sei so stark gewesen, dass der Feuerschimmer noch aus Kilometern Entfernung zu sehen war.

Doris Lippuner und ihre Großeltern harrten während der Angriffe im Keller aus. "Wir hörten die Detonationen". Irgendwann endete der Beschuss, und einige Rotarmisten kamen die Treppe herunter. "Sie sagten zu meinem Großvater, Uhri, Uhri, Uhri". Ich musste die Uhr abgeben, die ich von meinem Vater hatte. Aber wenigstens geschah uns nichts", so Lippuner. Aus Angst vor Übergriffen wollte ihr Großvater sie jedoch in Sicherheit bringen. "Es hatte sich herumgesprochen, dass Frauen vergewaltigt wurden", sagt sie. Einige, die unfreiwillig schwanger wurden, ließen die ungeborenen Kinder vom Arzt Dr. Martin Henning abtreiben, wie Lippuner sich erinnert. Um vor Übergriffen geschützt zu bleiben, versteckte ihr Opa die damals Zehnjährige im Marstall. "Der Kastellan war ein Freund der Familie". Auf dem Weg aus dem Geschäft zum Stall sah das Mädchen, was der Angriff angerichtet hatte. "Überall lagen tote Menschen und Pferde auf der Straße". Wie sie die Nacht verlebte, weiß heute Doris Lippuner nicht mehr. Es müssen jedoch fürchterliche Stunden gewesen sein". Natürlich hatte man da große Angst".

Am nächsten Morgen holten ihre Großeltern das Kind wieder ab. "Die Russen hatten im Geschäft gewütet. Und in der Wohnung hatten sie alles aus den Schränken geholt und geplündert." Zudem hatte ihr Opa ein Bild seines gefallenen Sohnes mit Trauerflor im Büro. "Als die Sowjets das sahen, sagten sie "Faschist, Faschist" und schlugen ihm mit der Pistole über den Kopf. Er blutete stark, aber sie haben ihm am Leben gelassen." Bei der Einnahme der Stadt verloren etwa 145 Menschen das Leben. Viele erhängten sich auch, so etwa der Bürgermeister Winrich und seine Familie. Dieser fürchtete doch weniger die Rache der Rotarmisten als Ärger mit der SS, weil er die Stadt hatte übergeben wollen.

Doris Lippuner und ihre Großeltern überlebten. Die folgenden Monate waren zwar nicht leicht, doch nach und nach arrangierten sich die Rheinsberger mit den Militärs. "Bei Kleidung und Essen gab es immer einen Engpass", so die 80-Jährige. Die Schulräume konnten zudem nicht beheizt werden. "Und in der großen Pause gab es Salzkuchen und Milch. Das hatten die Russen angeordnet, damit zumindest die Kinder etwas zu essen hatten. Weil es nichts gab, hat man sich selbst über solch trockenen Teig wie irre gefreut." Weil viele erwachsene Männer gefallen oder in Gefangenschaft geraten waren, wurde die Heranwachsende von blutjungen Lehrern unterrichtet. "Als ich 14 war, hatte ich einen 18 Jahre alten Lehrer."

Heute hat Doris Lippuner drei Kinder, fünf Enkel und vier Urenkel. Solange sie lebt, möchte sie ihre Erinnerungen weitergeben. "Man muss jede Kleinigkeit festhalten." Die Chronik, die sie erstellt hat, wollte sie ihren Kindern eigentlich erst nach ihrem Tod überlassen. "Aber ich dachte, wenn sie es erst lesen, wenn ich tot bin, können sie nicht mehr fragen."

 
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