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Atomzentrum Rheinsberg - Neben dem Kraftwerk war eine Brennstoffkassettenfabrik geplant/Ausstellung wird vorbereitet

Carsten Schäfer
(aus: Märkische Allgemeine; 06.09.2012)

Im Februar soll die Ausstellung zur Geschichte des Kernkraftwerks beginnen. Sie findet im neuen Ausstellungsraum der Remise statt.

RHEINSBERG
Der 70-Megawatt-Reaktor sollte nur der Anfang sein. Ende der 50er, Anfang der 60er-Jahre plante die DDR, aus Rheinsberg ein echtes Zentrum der Atomtechnologie zu machen. Das hat der Historiker Sebastian Stude bei seinen Recherchen für eine Ausstellung herausgefunden, die er gemeinsam mit dem Verein Stadtgeschichte gestaltet. Ab Februar soll sie in der Remise zu sehen sein, am Dienstagabend präsentierte er die ersten Ergebnisse. Sie stammen vor allem aus Archiven, vom Bundesarchiv angefangen bis zum Rheinsberger Betriebsarchiv der Energiewerke Nord. „Es gibt wenig Archivmaterial, das ich nicht gesehen habe“, so Stude. In einer zweiten Phase der Recherche will er ab sofort mit Zeitzeugen reden. Finanziert wird seine Arbeit mit Fördermitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Landeszentrale für politische Bildung und der Sparkassenstiftung.

Vorgesehen war, in Rheinsberg einen zweiten Reaktor zu bauen und neben dem Kernkraftwerk eine Fabrik für Brennstoffkassetten zu errichten. In den Kassetten befinden sich die eigentlichen Brennstäbe. Die Anlage sollte die DDR von Brennstofflieferungen aus der Sowjetunion unabhängig machen, so Sebastian Stude – und daran ist sie wohl auch gescheitert. 1965 vereinbarten die DDR und die UdSSR den Bau eines 440-Megawatt-Kraftwerks, das später in Lubmin bei Greifswald entstand. Bestandteil des Vertrags war die Lieferung des Brennstoffs aus der Sowjetunion. „Der große Bruder wollte dem kleinen nicht zu viel Selbstständigkeit lassen“, sagt Sebastian Stude. Die Planungen für die Rheinsberger Fabrik wurden gestoppt. Offiziell geschah das aber erst nach der Inbetriebnahme des Kraftwerks 1966. Unter der Belegschaft sorgte diese Entscheidung für Unmut, auch darüber hat Stude Dokumente gefunden.

Das Aus für den zweiten Reaktor kam, weil sich die Inbetriebnahme des ersten jahrelang verzögert hatte und er schon nicht mehr Stand der Technik war, als er angefahren wurde. Er war vor allem zu klein dimensioniert. Dann plante man in Rheinsberg, an den vorhandenen Reaktor wenigstens eine zweite Turbine zu koppeln, um auf die 140 Megawatt geplanter Leistung zu kommen, auch Ideen für einen 800-Megawatt-Reaktor wurden diskutiert.

Erstaunt hat Stude in seiner Recherche, wie groß der Anteil von Produkten aus dem Westen war, der in Rheinsberg verbaut wurde. „Technik aus der westlichen Hemisphäre spielte eine wichtige Rolle“, sagte Stude. So lieferte ein Westunternehmen nicht-rostende Rohre, ohne die ein Kernkraftwerk nicht möglich gewesen wäre.

Nach den Gesprächen mit Zeitzeugen wird Sebastian Stude damit beginnen, die Ausstellung zu konzipieren. Ihr Titel steht schon fest „1955 Rheinsberg – zwischen Blockwarte und Kulturhaus“. Der Titel verweist auf die DDR-Postleitzahl von Rheinsberg (das war 1955) und darauf, dass 1955 der Beschluss fiel, in der Prinzenstadt das erste Atomkraftwerk auf deutschem Boden zu bauen. Außerdem soll er klarmachen, dass der Bau des Kraftwerks erhebliche Auswirkungen auf die Stadt hatte. Noch 1949 hatte der Bürgermeister dringend um die Beseitigung der Kriegstrümmer auf dem Markt gebeten. In den Ruinen nisteten sich Ratten ein, beschwerte er sich. In dieser Atmosphäre wurde Rheinsberg plötzlich die Stadt für eine völlig neue Technologie. Gestalterisch habe die Ausstellung zur Stadtsanierung den Maßstab hoch gehängt, sagte Stude. Aber er sei zuversichtlich, dabei mithalten zu können.

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Hinter dem Verwaltungsgebäude des Rheinsberger Kernkraftwerks sollten ursprünglich zwei Reaktoren stehen, nicht nur einer.
Foto: Geisler

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Sebastian Stude mit einer Kladde zum Reaktorbau.
Fotos (3): Schäfer

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Nikita Chrustschow sagt Unterstützung für den KKW-Bau zu.

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In der Menzer Fischerhütte saß die KKW-Bauleitung.
Repro: MAZ

 
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