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Verbriefter preußischer Anstand

Judith Görs
(aus: Märkische Allgemeine; 21.11.2012)

Wuthenower Ehepaar stiftet der Stadt Rheinsberg eine historische Urkunde aus dem 18. Jahrhundert

Noch ist unklar, welche Geschichte sich hinter dem 221 Jahre alten Geburtsbrief verbirgt - Stadthistoriker wollen Licht ins Dunkel bringen.

RHEINSBERG
Das Papier ist leicht vergilbt, aber sonst in bestem Zustand - darauf gut zu erkennen: kaum verblasste Druckbuchstaben, ein paar handschriftliche Einträge mit schwarzer Tinte und ein rotes Wachssiegel, das die Jahrhunderte nahezu unbeschadet überdauert hat. Horst und Lenore Grothe hielten plötzlich einen kleinen Schatz in ihren Händen, als sie den Nachlass der Eltern und Großeltern in Perleberg (Prignitz) auflösten.

Das sorgsam aufbewahrte Dokument erwies sich als Geburtsbrief - eine Art Leumundszeugnis, ausgestellt vom Magistrat der Stadt Rheinsberg am 17. August 1791. Beantragt hatte das ein gewisser Carl Gotthilf Heinrich Huth - kein Verwandter, versichert Lenore Grothe. Wie genau das Schriftstück in den Besitz der Familie gekommen ist, weiß sie deshalb nicht. „Wir können ja auch niemanden mehr fragen, woher die Urkunde kommt“, sagt die 80-Jährige. Eine Theorie hat die Wuthenowerin trotzdem: „Mein Großvater hat schöne, alte Sachen gesammelt“, sagt sie. „Ich nehme an, dass er die Urkunde aufgetrieben hat.“ Nun ist sie - nach 221 Jahren - in den Besitz der Stadt Rheinsberg zurückgekehrt. „Wir haben gedacht, dass sie hierhin gehört“, sagt Horst Grothe.

Für Bürgermeister Jan-Pieter Rau ist das ein echter Glücksfall. Immerhin mangelt es der Stadt an historischen Archivalien - ein Großteil davon wurde vernichtet, als 1945 Bomben aufs Rathaus fielen. Er könne sich gut vorstellen, dass die Urkunde künftig einen Platz im Rathausneubau findet, so Rau. Dann allerdings hinter Glas.

Rau ist einer der wenigen, die das historische Stück noch mit bloßen Händen berühren durften. Künftig wird es buchstäblich nur noch mit Samthandschuhen angefasst. Seit gestern liegt es im Stadtarchiv. Historiker - vermutlich vom Verein „Stadtgeschichte Rheinsberg“ - sollen nun die Geschichte hinter dem Dokument ergründen.

Klar ist bisher nur, was schwarz auf weiß in der Urkunde verbrieft ist - nämlich, dass Carl Gotthilf Heinrich Huth „von ehrlichen und solchen Eltern erzeuget und gebohren“ wurde. Ein Umstand, der jungen Gesellen im Preußen des 18. Jahrhunderts viele Türen öffnete - vor allem zu Zünften und Innungen. Denn nur, wer seine eheliche Geburt nachweisen konnte, durfte laut königlich-preußischem Reichspatent in den Kreis der Handwerker aufgenommen werden. So war es auch in Rheinsberg.

Den Wert der Urkunde erkannte Lenore Grothe mit geschultem Blick. Immerhin arbeitete sie
ihr Leben lang als Bibliothekarin. Trotzdem ist es ein glcklicher Zufall, dass das Schriftstück überhaupt in ihre Hände geriet. Denn das Paar lebte jahrelang im Ausland - in Sambia, Laos, im Jemen und zuletzt in Nikaragua. Horst Grothe, der in Wuthenow aufwuchs, leistete dort als Journalist jahrelang „Entwicklungshilfe für die Medien“, wie er sagt. „Dass wir zurückkommen war eigentlich gar nicht geplant“, ergänzt Lenore Grothe. Vor zehn Jahren zog es das Paar aber doch wieder zurück in die Heimat.

Ihre Geschichte begeistert Ortsvorsteher Sven Alisch mindestens genauso wie das Schicksal des unbekannten Rheinsberger Gesellen. Geht es nach Alisch, soll die Urkunde in einer möglichen Ausstellung zusammen mit den Erzählungen der Grothes präsentiert werden.

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Sie dürfen das historische Schriftstück ein letztes Mal mit bloßen Händen berühren: Bürgermeister Jan-Pieter Rau (l.) mit Lenore und Horst Grothe.
Foto: Judith Görs

 
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